Brief an einen Auswanderer – Halten Freundschaften?

Lieber Auswanderer,

auf meinen letzten Brief über falsche Freunde habe ich einige Reaktionen von Lesern erhalten. Einigen erging es ähnlich, andere meinten, es währe eher das Gegenteil, nämlich das man gar nichts mehr von Freunden hört. Bei mir persönlich war es auch eher der Fall, dass ich den regelmäßigen Kontakt mit guten Freunden verloren habe.

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Ich schreibe dir heute darüber, weil das ein Punkt ist, der viele Auswanderer trifft. Ich empfand dies als sehr traurig, als einen Preis den man fürs Auswandern zahlt. Muss dir das auch so passieren? Nein, jeder Mensch ist anders und jeder Auswanderer macht andere Erfahrungen. Ich berichte dir hier von meinen Erfahrungen, mit denen ich leider nicht alleine dastehe.

Ich hatte eine tolle Freundin, die mir auch in schweren Zeiten zur Seite stand. Auch bei meiner Auswanderung war sie mir eine sehr große Hilfe. Trotzdem haben wir den Kontakt verloren. Natürlich sind wir über Facebook noch in losem Kontakt, aber die Luft ist raus. Warum ist das passiert? War sie eine falsche Freundin? Nein, wie gesagt sie hatte mir auch in schweren Zeiten geholfen, sie war eine gute Freundin. Hier kann man nicht davon sprechen, dass sich bei der Auswanderung die Spreu vom Weizen trennt, was auch oft der Fall ist. Hier hat man sich einfach, im wahrsten Sinne des Wortes, auseinandergelebt.

Eigentlich sollte man meinen, in der heutigen Zeit sollte es mit Skype, WhatsApp und Co. nicht mehr so schwer sein, Kontakte zu halten. In meiner Facebookgruppe Leben in den USA, sind Frauen, die sind hier schon seit den 50 gern oder 60 gern. Da gab es kein Internet, telefonieren war sehr teuer und Briefe haben ca. 5 Wochen gedauert. Klar, damals hat man natürlich Freunde in der Heimat verloren. Aber heutzutage haben wir tolle Hilfsmittel um Freundschaften zu erhalten. Bei einigen klappt das auch, bei anderen halten diese modernen Hilfsmittel eine gute Freundschaft nur an künstlichen Live Support. Social Media Kanäle sind wie die Schläuche, die einem Patienten mit Sauerstoff und anderem Lebenswichtigem versorgen und so am Leben erhalten, auch wenn dieser schon nicht mehr wirklich da ist.

Ich denke, das ist vergleichbar mit den Freunden, die man auf seinem Lebensweg verliert, wenn sich Interessen ändern, oder sich die Lebenswege scheiden. Vielleicht kennst du das ja von Freunden, die Kinder bekommen und nur noch von ihren Kindern reden, während du mit einem Kater von der letzten Party dasitzt. Irgendwann hat man sich einfach nichts mehr zu erzählen, was den anderen interessiert. Beim Auswandern ist es ähnlich, die Interessen ändern sich einfach. Erschwerend kommt unter Umständen auch noch die Zeitverschiebung hinzu. Erzählst du jemanden abends ganz aufgeregt von deinen neuen Erlebnissen, der um 5 Uhr morgens mit dir skypt, wird das bei manchen Zeitgenossen, vor allem ohne vorherigen Kaffeegenuss, eher nicht auf Begeisterung stoßen. Dann gibt es auch die Freunde, die noch nicht im Internetzeitalter angekommen sind, die schlicht und ergreifend kein Skype haben und nicht oder kaum auf Facebook sind.

Natürlich liegt es auch an einem Selbst, Freundschaften am Leben zu erhalten. Gerade in der Anfangsphase im neuem Land, hat man oft wenig Zeit um Kontakte zu pflegen. Aber eine gute Freundschaft muss natürlich von beiden Seiten gepflegt und gehegt werden.

Wie gesagt, das muss dir nicht so passieren, vielleicht hast du Glück und deine Freunde bleiben dir erhalten. Nimm es Freunden nicht übel, wenn sie sich nicht mehr melden. Sie waren ein wichtiger Bestandteil deines alten Lebens, du startest nun ein neues Leben und wirst auch neue Freunde finden.

Gruß aus Connecticut
Stefanie

P. S. : der nächste Brief wird von der Auswahl des Zielortes handeln

Wie ist es dir ergangen? Konntest du deine Freundschaften erhalten?

Diese Briefe habe ich zur Reihe Briefe an einen Auswanderer schon geschrieben:

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